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Interview 3 Fragen Arbeitszeit Arbeitsbedingungen

„Es gilt, die Arbeitszeitsouveränität zu stärken“

Deutschlands Arbeitszeitgesetz ist für den Schutz der Gesundheit unerlässlich, so Yvonne Lott (WSI). Warum es die EU-Richtlinie nicht braucht, lesen Sie im Interview.

Ist das hiesige Arbeitszeitgesetz noch zeitgemäß oder sollte in Deutschland nicht besser die EU-Arbeitszeitrichtlinie Anwendung finden? Yvonne Lott, die Leiterin des Referats für Geschlechterforschung am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) hat dazu eine klare Haltung: Das deutsche Gesetz schützt nicht nur das Wohlbefinden der Beschäftigten besser, es bietet auch Planbarkeit und Verlässlichkeit im Arbeitsalltag.

Arbeitgeberverbände fordern die Anwendung der EU-Arbeitszeitrichtlinie auch in Deutschland. Was spricht aus Ihrer Sicht dagegen?

Yvonne Lott: Rechtlich gibt es hier keinen Handlungsbedarf. Ganz im Gegenteil: Das deutsche Arbeitszeitgesetz ist für den Arbeits- und Gesundheitsschutz  unerlässlich. Warum? Die tägliche Arbeitszeitgrenze, die das Arbeitszeitgesetz definiert, ist eine wichtige Leitplanke für Unternehmen und Beschäftigte – die aber von der EU-Regelung ausgehebelt würde.

Dr. Yvonne Lott
© WSI, Dr. Yvonne Lott

Etliche Studien zeigen jedoch: Überlange Arbeitszeiten und fehlende Zeit für Erholung und Pausen schaden der physischen und psychischen Gesundheit und beeinträchtigen das Wohlbefinden. Stress und Burnout sind schon jetzt die wesentlichen Ursachen für Fehlzeiten und längere Arbeitsausfälle. Der Feierabend ist wichtig zur Gesunderhaltung und Regeneration.

Verbände, die beklagen, dass das Arbeitszeitgesetz zu wenig Flexibilität erlaube, seien auf die tarifvertraglichen Regelungen verwiesen, die Arbeitgebern durchaus Flexibilität an die Hand geben. Und auch das Arbeitszeitgesetz erlaubt eine Ausdehnung der täglichen Arbeitszeit – zur Gesunderhaltung natürlich nur in einem gewissen Rahmen und mit einem zeitnahen Ausgleich.

gewissen Rahmen und mit einem zeitnahen Ausgleich. Aber da wir einmal bei EU-Richtlinien sind: Was für den Arbeits- und Gesundheitsschutz  wirklich wichtig ist, ist die Anwendung der Richtlinie zur Arbeitszeiterfassung. Die Erfassung der Arbeitszeit ist ein zentrales Instrument, das die Entgrenzung von Arbeit, vor allem bei mobiler Arbeit bzw. im Homeoffice, verhindern kann.

Dr. Yvonne Lott

Dr. Yvonne Lott

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI)

Dr. Yvonne Lott leitet seit 2018 das Referat für Geschlechterforschung am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI). Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen u.a. in den Bereichen Arbeitszeiten, flexibles Arbeiten, Work-Life Balance und soziale Ungleichheiten,

Das Arbeitszeitgesetz in Deutschland besteht seit 1994 – ist es da nicht Zeit für Änderungen? Der Frauen- und Mütteranteil ist seitdem deutlich gestiegen, das Thema Vereinbarkeit oder Work-Life-Balance hat Konjunktur – braucht eine gelungene Vereinbarkeit nicht auch mehr Flexibilität?

Lott: Gerade weil der Anteil der erwerbstätigen Frauen bzw. Mütter gestiegen ist, braucht es Verlässlichkeit und Planbarkeit bei den täglichen Arbeitszeiten und Schutz vor Mehrarbeit. Auch hier ist die Forschungslage klar: Mehrarbeit verhindert eine gelungene Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Unverlässliche und wenig planbare Arbeitszeiten belasten vor allem Frauen, die nach wie vor den Löwenanteil der Kinderbetreuung stemmen. Die Regelungen des Arbeitszeitgesetzes sind daher wichtiger denn je, auch in Hinblick auf die Ausweitung von mobiler Arbeit bzw. Homeoffice.

Natürlich brauchen Beschäftigte mit Sorgeverantwortung Flexibilität, aber Flexibilität im Sinne von tatsächlicher Souveränität über ihre Arbeitszeit. Es gilt daher, die Arbeitszeitsouveränität zu stärken, indem zeit- und ortsflexible Arbeitsarrangements als Vereinbarkeitsinstrumente angeboten und gleichzeitig die bestehenden arbeitszeitgesetzlichen Regelungen beibehalten werden. Nur so gelingt Flexibilität, die die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, die Gesunderhaltung und das Wohlbefinden fördert.

Welche Rolle sprechen Sie Arbeitszeitmodellen wie Vertrauensarbeitszeit künftig zu?

Lott: Eine große Rolle. Auch aufgrund der Digitalisierung und Verbreitung von mobiler Arbeit bzw. Homeoffice wird selbstverantwortliches Arbeiten weiter zunehmen, darunter auch die Selbstorganisation der Arbeitszeiten. Dafür braucht es einen geregelten, verlässlichen Rahmen. Wichtig sind: Fairness, Transparenz, Vertrauen und Unterstützung durch die Vorgesetzen, ein Arbeitsumfang, der zu den vertraglichen Arbeitszeiten passt und nicht umgekehrt, und eine Unternehmenskultur, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben tatsächlich unterstützt.

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