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Fachkräftesicherung braucht Zuwanderung

Der Fachkräftemangel verschärft sich, Stellen bleiben doppelt so lange offen wie 2008. Lesen Sie, wo die Engpässe am größten sind und wie Zuwanderung hilft.

  • Im vergangenen Jahr blieben offene Stellen fast doppelt so lange unbesetzt wie 2008.
  • Die Engpässe werden sich angesichts von demografischem Wandel, Digitalisierung und weiteren Megatrends in einigen Berufen weiter verschärfen.
  • Damit der personelle Engpass entschärft wird, braucht Deutschland mehr Zuwanderung auch aus Nicht-EU-Ländern, wie unser Überblick über Fachkräftemangel und Zuwanderung zeigt.

Engpässe bei Fachkräften werden immer größer

In vielen Betrieben in Deutschland blieben Stellen in den vergangenen Jahren zunehmend länger unbesetzt: Bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldete Stellen waren 2021 fast doppelt so lange offen wie noch 2008. Insbesondere in Berufsgruppen, für die ein beruflicher Abschluss erforderlich ist, also Fachkräfte gebraucht werden, ist Personal schwer zu finden. Besonders spürbar werden die Fachkräfteengpässe , seit immer mehr Beschäftigte geburtenstarker Jahrgänge in Rente gehen.

Die Grafik zeigt die abgeschlossene Vakanzzeit gemeldeter sozialversicherungspflichtiger Arbeitsstellen auf Basis von Daten der Bundesagentur für Arbeit im Zeitverlauf zwischen 2008 und 2022. Die abgeschlossene Vakanzzeit misst die Zeitspanne (Jahresdurchschnitt gemessen in Tagen bzw. für 2022 der geleitende Jahresdurchschnitt der letzten 12 Monate) vom gewünschten Besetzungstermin bis zur Abmeldung der Arbeitsstelle und damit den Zeitraum, in dem eine Arbeitsstelle nicht besetzt werden konnte. Während die durchschnittliche Vakanzzeit im Jahr 2008 noch bei 63 Tagen lag, dauert die Besetzung von Stellen aktuell mit 120 Tagen nahezu doppelt so lange.

Zu Beginn der Corona-Pandemie fielen die Engpässe allerdings weniger auf. Die Bundesagentur für Arbeit wies in ihrer Fachkräfteengpassanalyse für das Jahr 2020 insgesamt weniger Berufe mit Engpässen aus – so waren es nur 131 Berufsgattungen, während im Jahr zuvor noch 185 Berufsgattungen von Fachkräfteengpässen betroffen waren. Das liegt vor allem daran, dass die Stellenausschreibungen pandemiebedingt stark zurückgegangen sind. Die demografische Entwicklung wird die Engpässe aber aller Voraussicht nach künftig weiter verschärfen. Vor allem medizinische Berufe, Pflegeberufe (insbesondere Altenpflege), Bau- und Handwerksberufe (insbesondere Klempnerei, Sanitär, Heizung und Klimatechnik) und IT-Berufe sind von Engpässen betroffen – vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft und den infrastrukturellen und digitalen Herausforderungen mit steigender Tendenz. Die Fachkräfteengpässe hängen allerdings nicht nur mit der demografischen Entwicklung zusammen, sondern auch mit den unterschiedlichen Lohn- und Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen. Eine aktuelle Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) zur Bauwirtschaft zeigt, dass in der Baubranche trotz Boom viele Lehr- und Arbeitsstellen unbesetzt bleiben, weil die Bauarbeit für die Beschäftigten nicht attraktiv genug ist.

Die Grafik zeigt die abgeschlossene Vakanzzeit für sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen nach Berufssegmenten als gleitende Jahresergebnisse zwischen März 2021 und Februar 2022 auf Basis von Daten der Bundesagentur für Arbeit. Die abgeschlossene Vakanzzeit misst die Zeitspanne vom gewünschten Besetzungstermin bis zur Abmeldung der Arbeitsstelle und damit den Zeitraum, in dem eine Arbeitsstelle nicht besetzt werden konnte. Die längsten Vakanzzeiten weisen die Bau- und Ausbauberufe mit 167 Tagen auf, gefolgt von den medizinischen und nicht-medizinischen Gesundheitsberufen mit 154 Tagen.

Zuwanderung auch aus nichteuropäischen Ländern zur Fachkräftesicherung nötig

Die Zuwanderung von Fachkräften ist für Deutschland wichtig, um den Fachkräftebedarf langfristig zu sichern. Die meisten Zuwanderer kommen aus dem europäischen Ausland (siehe dazu auch unsere Infografik über die Entwicklung ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland). Allerdings ähnelt die Altersstruktur in vielen europäischen Ländern der deutschen und die Fachkräftesituation ist gleichermaßen angespannt. Daher wird die Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern zur Fachkräftesicherung künftig an Bedeutung gewinnen. Um im internationalen Wettbewerb um die besten Fachkräfte zu bestehen, braucht es gute und attraktive Arbeitsbedingungen in Deutschland, transparente Anerkennungsverfahren ausländischer Abschlüsse, und anerkennungsbezogene Qualifizierungsmaßnahmen.

Immer mehr Migrantinnen und Migranten arbeiten in Engpassberufen

Bereits heute machen Migrantinnen und Migranten (die im Folgenden analog zur zugrundeliegenden Studie von Hickmann et al. (2021) nur Personen mit ausschließlich nicht deutscher Staatsangehörigkeit umfasst) einen bedeutenden Anteil des Arbeitskräfteangebotes aus. Etwa 1,9 Millionen von ihnen waren im Jahr 2020 als Fachkräfte beschäftigt. Migrantinnen und Migranten arbeiten zudem immer häufiger in Engpassberufen. In der Altenpflege hatten 2013 gerade einmal 4,2 Prozent der Beschäftigten eine ausländische Staatsangehörigkeit. Im Jahr 2020 waren es bereits 8,2 Prozent (Hickmann et al., 2021).

Unsere Tabelle zeigt die Fachkraftberufe, in denen im Jahr 2020 die meisten Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit beschäftigt waren. Das trifft auf rund 23,6 Prozent der Berufskraftfahrerinnen und -fahrer im Jahr 2020 zu. Da die Stellenausschreibungen im Jahr 2020 pandemiebeding stark zurückgegangen sind, dient das Jahr 2019 als Grundlage für die Engpassrelation. Die Engpassrelation zeigt, dass 2019 auf 100 offene Stellen gerade einmal 56 arbeitslose Berufskraftfahrerinnen und -fahrer kamen. Auch bei der Gesundheits- und Krankenpflege deutet die Relation mit 21 Arbeitslosen auf 100 offenen Stellen auf Engpässe hin. Hier arbeiten im Jahr 2020 mehr als 51.000 Migrantinnen und Migranten – rund 8 Prozent aller Beschäftigten dieser Berufsgruppe.

Die Grafik gibt die Fachberufe wieder, in denen im Jahr 2020 durchschnittlich die meisten Migrantinnen und Migranten beschäftigt waren. Die Liste wird von den Berufskraftfahrer:innen angeführt in denen im Jahr 2020 132.888 Migrant:innen beschäftigt waren. Das entspricht einem Anteil von 23,6 Prozent an allen Beschäftigten dieser Berufsgattung. Gleichzeitig kommen bei den Berufskraftfahrer:innen gerade einmal 56 Arbeitslose auf 100 offene Stellen. Dieser Indikator auch Engpasssrelation genannt aus dem Jahr 2019 zeigt, wie wichtig die Zuwanderung ist, um überhaupt Stellen in bestimmten Berufen besetzen zu können. Die Tabelle basiert auf den Ergebnissen einer Studie von Hickmann et al. aus dem Jahr 2021.

Info

Die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit gibt Auskunft darüber, ob verfügbare Arbeitskräfte für bestimmte Berufe knapp sind. Da sich die Engpässe nicht mit einer einzelnen Kennzahl messen lassen, werden mehrere Indikatoren herangezogen. Dazu zählten bis 2018 im Kern die abgeschlossene Vakanzzeit , die Arbeitslosen-Stellen-Relation und berufsspezifische Arbeitslosenquoten. In der seitdem weiterentwickelten Engpassanalyse wurde das Indiaktorenset u. a. um die Abgangsrate aus Arbeitslosigkeit erweitert und neue Grenzwerte festgelegt (zur Methodik siehe Fachkräfteengpassanalyse 2020, 7 ff.).

Migrationspolitik vereinfacht Zuwanderung für Qualifizierte

Im März 2020 trat das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft, um die Zuwanderung für Hochschulabsolventinnen und -absolventen und Menschen mit qualifizierter Berufsausbildung aus Nicht-EU-Ländern rechtlich zu erleichtern. Das Gesetz regelt, wer zu Arbeits- und Ausbildungszwecken nach Deutschland kommen darf und vereinfacht den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt beispielsweise durch den Verzicht auf die bisherige Vorrangprüfung. Damit müssen Arbeitgeber nicht mehr vor jeder Einstellung einer Fachkraft  aus einem Nicht-EU-Land prüfen, ob inländische oder europäische Bewerberinnen oder Bewerber zur Verfügung stehen. Die Ampelregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag 2021 zudem angekündigt, den Zugang für Zuwanderinnen und Zuwanderer auf dem deutschen Arbeitsmarkt über die Einführung einer Chancenkarte auf Basis eines Punktesystems weiter zu vereinfachen.

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