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Gleichstellung im Wandel der Arbeitswelt

Noch immer verdienen Frauen im Schnitt weniger als Männer und müssen für ihre Karrieren mehr Hürden überwinden. Aber wie steht Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern da? Und welche jüngsten Entscheidungen der Politik versprechen Besserung?

  • Trotz gleicher Bildung unterscheiden sich die Löhne und Karrieren von Frauen und Männern nach wie vor im Durchschnitt sehr deutlich.
  • Die (ungleiche) Verteilung von Betreuungsarbeit spielt als Ursache eine wesentliche Rolle.
  • Aber auch andere Faktoren haben einen Einfluss, wie Dr. Christine Klenner im Interview erläutert.

Geht es nach dem Grundgesetz, ist die Sachlage klar: Niemand darf wegen seines Geschlechts benachteiligt oder bevorzugt werden. Mann und Frau sollen gleichberechtigt am Arbeitsleben teilhaben. In der Praxis unterscheiden sich die Erwerbsbiografien zwischen den Geschlechtern jedoch immer noch deutlich voneinander. Aber woran liegt das? Haben Männer und Frauen die gleichen Bildungs- und Karrierechancen? Erhalten Sie das gleiche Geld für die gleiche Arbeit? Und welche Rolle spielt die Verteilung von Erziehungs- und Betreuungszeiten, wenn wir die Gleichstellung in der Arbeitswelt betrachten?

Mehr Gleichstellung

Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung

Die Entscheidungen der Bundesregierung in den vergangenen Jahren haben die Gleichbehandlung vorangebracht. Auch aus der Wirtschaft kamen wichtige Impulse, die Gleichstellung von Mann und Frau zu verbessern.

Dennoch gibt es in der Arbeitswelt nach wie vor deutliche erkennbare Differenzen zwischen den Geschlechtern. Immer noch arbeiten Männer und Frauen unterschiedlich viel, machen unterschiedlich erfolgreich Karriere – und haben dementsprechend unter dem Strich auch unterschiedliche Gehälter (Data Story: Frauen und Gleichstellung am Arbeitsmarkt).

Gleiche Bildung, ungleiche Berufswahl

Gleiche Bildung, ungleiche Berufswahl

Dabei starten beide Geschlechter in das Arbeitsleben zunächst mit einer gleich guten Schulbildung. Doch bereits zum Beginn der beruflichen Ausbildung trennen sich die Wege: Viele Jungen wählen nach wie vor eher die technischen und handwerklichen Ausbildungsberufe, wie zum Beispiel Mechatroniker, Fachinformatiker und Elektroniker. Mädchen zieht es hingegen eher in die sozialen Berufe, wie zum Beispiel in die Gesundheits- und Pflegebranche sowie in den Erziehungssektor (BIBB 2021, S. 63). Das führt für Frauen zu deutlichen Einbußen auf dem Gehaltszettel, denn diese Berufe werden häufig geringer entlohnt (Statistisches Bundesamt 2020).

Nach der Ausbildung setzt sich die ungleiche Verteilung bei Berufen, Tätigkeiten und auch bei der Entlohnung fort. Zwar gehen immer mehr Frauen arbeiten und konnten den Abstand zu den Männern damit auf nur noch rund 7 Prozentpunkte (Statisches Bundesamt 2021) verkleinern; Frauen üben allerdings häufiger atypische Arbeitsverhältnisse aus und sind häufiger im Niedriglohnsektor – insbesondere in Teilzeit  - oder Minijobs – beschäftigt als Männer.

Herausforderung Kind

Herausforderung Kind

Dies liegt unter anderem an der unterschiedlichen Verteilung der Erziehungs- und Betreuungsarbeit zwischen den Geschlechtern. Wenn Paare Kinder bekommen, sind es nach wie vor überwiegend die Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren. So arbeiten 72,6 Prozent der erwerbstätigen Müttern mit Kindern unter 6 Jahren in Teilzeit, bei den Männern sind es dagegen nur 6,9 Prozent (Statistisches Bundesamt). Frauen übernehmen zudem auch über die Kinderbetreuung hinaus mehr (unbezahlte) Arbeit im Haushalt (DIW 2019) als Männer und kümmern sich in deutlich größerem Ausmaß um pflegebedürftiger Angehörige (DIW 2020, S. 3-4). All das trägt mit dazu bei, dass Frauen im Durchschnitt weniger stark ins Erwerbsleben eingebunden sind und weniger verdienen als Männer.

Wer sich für die Kinder oder Pflege jahrelang aus dem Arbeitsleben zurückzieht, verliert überdies den Anschluss an wichtige Innovationen. Und irgendwann wird die Lücke im Lebenslauf zu groß, um wieder den Anschluss zu finden. Doch einige Unternehmen steuern diesem Problem bereits bewusst entgegen und belohnen die Zeit für die Familie (Sorgearbeit) als zusätzlichen Kompetenzgewinn.

Trotz Weiterbildung wenig Führungsverantwortung

Trotz Weiterbildung wenig Führungsverantwortung

Mittlerweile machen erwerbstätige Frauen und Männer etwa gleich häufig berufliche Weiterbildungen, auch wenn Männer etwas häufiger betrieblich organisierte Weiterbildungen nutzen (BMBF 2019, S. 34). Doch der Übergang in höhere Ebenen des Managements misslingt Frauen dennoch häufig. 2019 war in Deutschland nur knapp jede dritte Führungskraft weiblich – im EU-Vergleich liegt das bevölkerungsreichste Land der EU mit diesem Wert im unteren Bereich (Statistisches Bundesamt 2021). Die wesentlichen Gründe dafür: Frauen fehlt der Zugang zu informellen Netzwerken, und ihnen stehen immer noch stereotype Rollenvorstellungen im Weg, wenn es um Personalentscheidungen geht.

Geschlechtergerechtigkeit qua Gesetz?

Geschlechtergerechtigkeit qua Gesetz?

Der Gesetzgeber hat gehandelt und 2015 deshalb die Geschlechterquote  eingeführt: Mindestens 30 Prozent der Aufsichtsratsposten von börsennotierten und paritätischen Unternehmen müssen mit einer Frau besetzt sein. 2021 kam auch für die Vorstandsebene eine Geschlechterquote hinzu. Jede vierte Position muss weiblich besetzt sein, wenn das Unternehmen mindestens vier Vorstandsmitglieder und mehr als 2.000 Beschäftigte hat.

Perspektive im Alter und nach Corona

Perspektive im Alter und nach Corona

Dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen als Männer hat nicht nur Folgen im Hier und Jetzt, sondern wirkt sich auch auf die Alterssicherung aus. Ein geringeres Erwerbseinkommen bedeutet niedrigere Rentenansprüche. Dies ist ein entscheidender Grund dafür, weshalb Frauen deutlich häufiger von Altersarmut betroffen sind als Männer (Statisches Bundesamt). Man spricht diesbezüglich auch vom „Gender Pension Gap“.

Nicht zuletzt hat die Corona-Pandemie die Probleme der Gleichstellung wie unter einem Brennglas offengelegt. Erste Studien zeigen, dass Frauen stärker belastet waren als Männer, u.a. weil sie Beruf und Kinderbetreuung gleichzeitig stemmen mussten (Bonin et al. 2021). Insbesondere vollzeitbeschäftigte Frauen haben ihre Arbeitszeiten deutlich reduziert (Kümmerling und Schmieja 2021). Dagegen lag das Risiko des Beschäftigungsverlustes bei beiden Geschlechtern ähnlich hoch.

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