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Lohn-Preis-Spirale: Wie sie entsteht und was die Folgen sind

Sie ist eine Verkettung mehrfacher Preis- und Lohnerhöhungen: die Lohn-Preis-Spirale. Lesen Sie hier, was dahintersteckt und wie aktuell das Phänomen ist.

Die Inflation ist zurück. Nach einem Jahrzehnt geringer Preissteigerungen lag die Inflationsrate in Deutschland 2021 bereits bei 3,1 Prozent (Destatis, 2022). Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert für 2022 gar durchschnittliche Preissteigerungen von 6,1 Prozent. Die Wirtschaftsweisen erwarten auch, dass die Preisentwicklung die Lohnforderungen anheizt: „Die hohe Inflation und die steigenden Inflationserwartungen werden voraussichtlich die Tarifverhandlungen beeinflussen. Die Dynamik für Lohnforderungen dürfte ab dem zweiten Halbjahr 2022 zunehmen. Damit steigt das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale.“ (Sachverständigenrat für Wirtschaft, 2022).

Wie entsteht eine Lohn-Preis-Spirale?

Die Ursachen

Nachdem der Begriff der Lohn-Preis-Spirale fast in Vergessenheit geraten war, findet kaum eine Debatte über die aktuelle Preisentwicklung ohne ihn statt. Wie kann eine Lohn-Preis-Spirale entstehen, und welche Rolle spielen Gewerkschaften dabei? Unser Schaubild klärt auf:

Die Infografik zeigt die Entstehung und den Ablauf einer Lohn-Preis-Spirale. Demnach steht am Anfang der Spirale ein externer Schock auf der Angebotsseite der Unternehmen, der ihre Kosten steigen lässt. Das können beispielsweise Lieferkettenprobleme oder teurere Rohstoffe sein. Die Unternehmen erhöhen daher ihre Preise, was wiederum dazu führt, dass die Sozialpartner in Tarifverhandlungen über höhere Löhne debattieren, um die Kaufkraft der Beschäftigten zu stabilisieren. Das könnte zu Zweitrundeneffekten führen, wenn Unternehmen die höheren Personalkosten nicht durch Produktivitätsgewinne oder Einsparungen in anderen Bereichen ausgleichen können. Unternehmen passen folglich wieder ihre Preise nach oben an und Sozialpartner verhandeln in der nächsten Tarifrunde über höhere Löhne, was die Spirale wiederum antreiben kann.Schritt 2Schritt 3Schritt 4Schritt 5Schritt 6

Dieser „Zweitrundeneffekt“, der den bereits gestiegenen Preisen nochmals einen Schub geben kann, war in Deutschland insbesondere in den 70er Jahren zu beobachten. Nachdem der Ölpreisschock eine Inflation ausgelöst hatte, handelten Gewerkschaft Lohnerhöhungen von mehr als 10 Prozent aus. Sie sollten die Kaufkraftverluste ausgleichen. Der Effekt setzte ein, und es dauerte mehrere Jahre, bis die Inflation wieder in die Nähe des Vorkrisenniveaus fiel. Folgen dieser Entwicklung waren gestiegene Zinssätze der Bundesbank und eine deutlich erhöhte Arbeitslosenquote (Deutsche Bundesbank, 2022; Destatis, 2022). Droht jetzt eine ähnliche Entwicklung?

Wie wahrscheinlich ist eine Serie von Lohn- und Preiserhöhungen heute?

Die Ausgangslage heute

  • Die Preise steigen rasant. Nach einem Einbruch zum Beginn der Corona-Pandemie, betrug die Inflationsrate, also die Entwicklung der Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat, im April 7,4 Prozent. Ursächlich sind hauptsächlich hohe Energiepreise und Lieferengpässe.
  • Im Jahr 2022 laufen für etwa 10 Millionen Beschäftigte in DGB-Gewerkschaften die Vergütungstarifverträge aus. Insbesondere in der zweiten Hälfte des Jahres sind mit der Metall- und Elektroindustrie sowie dem öffentlichen Dienst zwei große Tarifbranchen betroffen (WSI, 2022).
  • In Folge der Corona-Pandemie blieben die durchschnittlichen Tarifabschlüsse im Jahr 2021 hinter der Inflation zurück (WSI, 2022). Dass Preis- und Produktivitätssteigerungen höhere Löhne nach sich ziehen, ist nicht zwingend, wie unser Beitrag „Löhne, Produktivität und Inflation“ aufzeigt. Jedoch hat kürzlich die IG Metall mit Blick auf die Verhandlungen der Eisen- und Stahlindustrie Forderungen in Höhe von 8,2 Prozent beschlossen. Das könnte Vorbote für die großen Verhandlungen im Herbst sein.
  • Aber: Der Anteil der Beschäftigten mit Tarifvertrag ist ebenso wie der Anteil der tarifgebunden Betriebe seit Jahren rückläufig und verglichen mit den 70er Jahren auf einem niedrigen Niveau (siehe dazu unsere Kennzahlen Anteil der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben und Anteil der Betriebe, in denen ein Tarifvertrag gilt). Die Breitenwirkung steigender Tariflöhne ist also geringer als in der Vergangenheit.
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