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Interview Lohnentwicklung Entlohnung & Vergütung

Wie kommt es zu unterschiedlichen Lohnentwicklungen?

Welche Rolle spielen Globalisierung, Digitalisierung und politische Entscheidungen für die Lohnentwicklung in Deutschland? Antworten liefert Dr. Alexandra Fedorets vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Dr. Alexandra Fedorets forscht am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zur empirischen Arbeitsmarktökonomik. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Analyse von lohnbildenden Faktoren. Hierbei untersucht sie zum Beispiel die Einflüsse des Mindestlohns und des technologischen Fortschritts auf die Lohnentwicklung.

Frau Fedorets, was sind die zentralen Faktoren, die für die Entwicklung von Löhnen eine Rolle spielen?

Dr. Alexandra Fedorets: Zunächst ist es wichtig zu betonen, dass sich die Lohnhöhe aus zahlreichen Komponenten zusammensetzt: eigene Fähigkeiten, Bildung und Weiterbildungen, die Region der Arbeitsausübung, erlernter und ausgeübter Beruf bzw. einzelne Tätigkeiten, Wirtschaftssektor, Tarife und Firmengröße. Lohnbildung ist ein kumulativer Prozess, in dem die ganze Beschäftigungsgeschichte eines Menschen eine Rolle spielt.

©Tatyana Bochkareva - Dr. Alexandra Fedorets
©Tatyana Bochkareva - Dr. Alexandra Fedorets

Wenn wir über Lohnentwicklung sprechen, müssen wir in erster Linie überlegen, welche relevanten Faktoren sich über die Zeit geändert haben. Manche dieser Faktoren haben auch Wechselwirkungen: Beispielsweise ist eine Verbesserung des durchschnittlichen Bildungsstands gleichzeitig eine Folge des technologischen Fortschritts, aber auch eine Voraussetzung für die weitere technologische Entwicklung.

Studien zeigen deutlich: Löhne entwickeln sich in einer Gesellschaft nicht zwingend im Gleichschritt. Welche Faktoren haben in den letzten dreißig Jahren zu unterschiedlichen Lohnentwicklungen in Deutschland geführt?

Fedorets: Tatsächlich erkennt man eine polarisierende Tendenz, wenn wir die allgemeine Entwicklung von Löhnen in Deutschland seit den 1990ern betrachten. Konkret bedeutet das: Die Verdienste der Beschäftigten mit niedrigen Löhnen stagnieren oder fallen sogar, während die Löhne der Topverdiener deutlich gestiegen sind. Teilweise geht diese Polarisierung auf die allgemeine Verbesserung des Bildungsniveaus zurück. Studien zeigen auch, dass die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften noch nicht gesättigt ist und deshalb die Löhne im oberen Segment weiter steigen. Bei den Entwicklungen im Niedriglohnsektor spielte dagegen eine maßgebliche Rolle, dass die Bindungskraft der Gewerkschaften nachgelassen hat. Hinter beiden Tendenzen steckt ein globaler Trend des Wirtschaftswandels in Folge des technologischen Fortschritts und der Globalisierung.

Wie lässt sich eine polarisierende Lohnentwicklung verhindern?  

Fedorets: Die Polarisierung der Löhne ist sowohl durch das Lohnwachstum der Gutverdienenden als auch durch reale Verluste im Niedriglohnsektor zustande gekommen. Daher stellt sich eher die Frage: Wie schafft man es, dass Beschäftigte mit niedrigen Löhnen am bestehenden Wachstumspotential teilhaben? Mögliche Lösungen wären intensivere Tarifverhandlungen bzw. neue Ansätze, um die Verhandlungspositionen der Niedriglohnverdienenden zu stärken. Außerdem sollten zukunftsorientierte Berufsberatungen sowohl für junge Menschen als auch – im Fall beruflicher Umorientierungen – für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer  zugänglich sein. Ebenfalls zielführend wäre, wenn die Verbraucherinnen und Verbraucher verstärkt zu Produkten und Dienstleistungen aus der eigenen Region greifen würden, selbst wenn diese etwas teurer sind.

Dr. Alexandra Fedorets

DIW

Dr. Alexandra Fedorets ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIW Berlin für den Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und Senior Research Associate der DIW Econ. Ihr primäres Forschungsfeld ist empirische Arbeitsmarktökonomie mit Fokus auf Lohnbildung. Sie beteiligt sich an Forschungsprojekten der Deutschen Mindestlohnkommission und leitet ein Projekt zur Digitalisierung der Arbeitsmärkte, finanziert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Welche Rolle spielen politische Entscheidungen als Faktor für die Lohnentwicklung in Deutschland?

Fedorets: Politische Entscheidungen und Gesetze in Deutschland und der EU spielen eine große Rolle für die Lohnentwicklung. Beispielsweise wurde 2015 ein flächendeckender Mindestlohn in Deutschland eingeführt – als politische Reaktion auf die sinkende Schlagkraft der Gewerkschaften. Durch die Einführung des Mindestlohns sind die Stundenlöhne gestiegen. Allerdings bedeutet diese positive Entwicklung der Stundenlöhne nicht automatisch, dass die Monatseinkommen in gleichem Ausmaß steigen: Teilweise haben Unternehmen die Arbeitsstunden für Beschäftigte reduziert oder halten das Mindestlohngesetz schlicht nicht ein.

In den letzten Jahrzehnten haben China und Osteuropa wirtschaftlich stark aufgeholt. Hat die wirtschaftliche Entwicklung in anderen Ländern Einfluss auf die Lohnentwicklung in Deutschland?

Fedorets: Die Einflüsse anderer Länder sind vielfältig, etwa durch Handel, Migration, Investitionen oder Verlegung von Produktionsstandorten. Ausschlaggebend für die Lohnentwicklung ist immer die Frage, ob die einzelnen Wirkungskanäle eher eine Konkurrenzsituation auf dem Produkt- oder auf dem Arbeitsmarkt schaffen, oder ob sich Kooperationsmöglichkeiten anbieten. Außerdem ist es wichtig, wie sich die Nachfrage nach Produkten und Arbeitskräften entwickelt. Steigende Löhne sind vor allem dort zu beobachten, wo die Nachfrage steigt und es keine direkte Preiskonkurrenz aus dem Ausland gibt.

Welche Branchen und Regionen in Deutschland spüren den Druck der Globalisierung besonders? Wie entwickeln sich dort die Löhne?

Fedorets: Vormals wirtschaftsstarke Regionen mit Unternehmen, die in direkter Konkurrenz mit dem Ausland stehen - zum Beispiel das einfache verarbeitende Gewerbe im Ruhrgebiet - haben größere Probleme, sich im Wettbewerb zu behaupten. Sie müssen es rechtzeitig schaffen, auf neue Sektoren zu setzen. Dagegen sind andere Regionen Gewinner, weil sie entweder auf das hochspezialisierte verarbeitende Gewerbe setzen, das in Deutschland stark ist, oder weil sie im Strukturwandel auf qualifizierte Dienstleistungen setzen, die keine direkte Konkurrenz aus dem Ausland haben. Viele dieser Gewinnerregionen liegen in Süddeutschland. Eine positive ökonomische Entwicklung der Regionen ist auch eine Voraussetzung für Lohnsteigerungen.

Viele Berufsbilder wandeln sich durch die Digitalisierung. Einige Aufgaben werden überflüssig, andere werden hinzukommen. Welche Auswirkungen haben Robotik und Digitalisierung auf die Lohnentwicklung?

Fedorets: Der Einfluss der Digitalisierung ist nicht einheitlich. Wenn wir über Berufe sprechen, die während der Digitalisierung entstehen und mehr mit der Weiterentwicklung und Wartung von Technologien zu tun haben, sind Potentiale für Lohnwachstum da. Es gibt aber auch Berufe, in denen Tätigkeiten dominieren, die durch Digitalisierung wegfallen, weil die einschlägige Technologie immer günstiger wird. Man darf allerdings nicht vergessen, dass Technik gut die Standardaufgaben erledigen kann, aber kein genaues Verständnis für Spezialfälle hat. Daher werden auch in stark betroffenen Berufen langfristig hochqualifizierte Spezialisten verbleiben, die durchaus mit hohen Löhnen rechnen können.

Hat auch die Corona-Pandemie Einfluss auf die Lohnentwicklung in Deutschland?

Fedorets: Die Corona-Rezession hat sich im Schnitt eindeutig negativ auf Löhne ausgewirkt, besonders in den stark betroffenen Branchen wie Einzelhandel oder Gastgewerbe. Der darauffolgende Aufschwung wird auch eine Steigerung der Löhne mit sich bringen. Solche Lohnentwicklungen sind typisch und sind in jeder Wirtschaftskrise zu beobachten. Speziell als Konsequenz von Covid-19 erwarte ich neue Tarifverhandlungen für einzelne Berufsgruppen wie Pflegeberufe. Die Pandemie hat die Bedeutung einzelner Berufe in die politische Diskussion gebracht. Das ist eine gute Voraussetzung, dass die langbekannten Probleme dieser Berufe wie Nachwuchssicherung und Lohnbildung erneut auf den Verhandlungstisch kommen und womöglich ein größeres Interesse an der tariflichen Lohnbildung entsteht.

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