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Interview Arbeitsschutz Sicherheit & Gesundheit

„Der lange Atem ist die größte Herausforderung“

Viele Betriebe haben während Corona mit Eigeninitiative und Kreativität den Gesundheitsschutz  umgesetzt, sagt Lars Adolph (BAuA) in unserem Interview.

Die Pandemie hat Unternehmen vor neue Aufgaben im Arbeits- und Gesundheitsschutz  gestellt. Wie Umfragen zeigen, haben jedoch viele Betriebe kreativ und mit Eigeninitiative auf die neue Herausforderung reagiert, sagt Lars Adolph, wissenschaftlicher Leiter des Arbeitsbereichs Produkte und Arbeitssysteme der Bundesanstalt für Arbeitsschutz  und Arbeitsmedizin (BAuA). Wichtig ist es jedoch, so der Experte, insbesondere in Branchen, in denen Home-Office  nicht möglich ist, die Standards für sichere und gute Arbeit immer besser umzusetzen. 

Wie schätzen Sie die Umsetzung der Corona-Arbeitsschutzregeln in den Betrieben ein: Wo läuft es schon recht gut – wo sehen Sie hingegen noch große Risiken? 

Lars Adolph: Wir haben im vergangenen Jahr untersucht, wie Arbeitgeber die Regeln und Vorschriften zum Arbeits- und Infektionsschutz in der Pandemie umsetzen. Die gute Nachricht: Die Ergebnisse einer repräsentativen Unternehmensbefragung wie auch die einer, die sich speziell an Expertinnen und Experten des Arbeitsschutzes gerichtet hat, zeigen insgesamt ein positives Bild. Zum einen haben die Unternehmen ein hohes Maß an Eigeninitiative entwickelt und zum anderen werden auch die relevanten Vorschriften und Regelungen wahrgenommen und ihre Eignung wird gut bewertet. Es finden sich in den Unternehmen viele Beispiele von vorbildlicher Kreativität und Engagement.  

Lars Adolph
© BAuA – Prof. Dr. Lars Adolph

Doch bei einem tieferen Blick werden auch die Herausforderungen des Arbeits- und Infektionsschutzes deutlich: Vorschriften zum Tragen von Mund-Nasen-Schutz, Abstand halten und Lüften lassen sich recht schnell kommunizieren – organisatorische Anpassungen, das Ändern von Team- oder Schicht-Zusammensetzungen oder auch manche technische Umgestaltung sind hingegen schwieriger umzusetzen. Mit dem Andauern der Pandemie ist der nötige „lange Atem“ die größte Herausforderung. Das sichere Verhalten der Beschäftigten muss immer wieder motiviert werden; gute Kommunikationsstrategien und auch die Einbindung der Beschäftigten sind hierzu notwendig. 

Zur Realität gehört aber auch, dass es Unternehmen gibt, die sich an unseren Untersuchungen eher weniger beteiligen und die auch dem gesamten Thema nicht die angemessene Bedeutung beimessen. Hier gibt es sicherlich solche, die noch mehr Aufklärung und Unterstützung gebrauchen können. Für diejenigen Unternehmen, die nicht das nötige Verständnis und die richtige Motivation aufbringen, sind aber auch Aufsicht und Kontrolle notwendig. 

Prof. Dr. Lars Adolph

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

Lars Adolph ist wissenschaftlicher Leiter des Arbeitsbereichs Produkte und Arbeitssysteme der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Dort befasst er sich insbesondere mit der Reduzierung von Risiken für den arbeitenden Menschen und eine menschengerechte Arbeitsgestaltung. 

Wird sich der betriebliche Arbeitsschutz nachhaltig durch die Corona-Pandemie verändern? 

Adolph: Die Akteure des Arbeits- und Gesundheitsschutzes haben eine noch wichtigere Rolle bekommen. Für das Thema Hygiene ist eine neue und vermutlich anhaltende Sensibilität entstanden. Unternehmen, die eine gute Organisation von Sicherheit und Gesundheit bereits etabliert hatten, konnten in der Pandemie schneller und erfolgreicher agieren als andere mit Versäumnissen auf diesem Gebiet. Die Pandemie legt die Schwächen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes in Unternehmen manchmal auf drastische Weise offen – wie dies bei großen Ausbruchsgeschehen in einzelnen Unternehmen der Fall war. 

So wird der Präventionsgedanke hoffentlich nachhaltig in seiner Bedeutung gestärkt. Und es ist hoffentlich deutlich geworden, dass es hier nicht um den Infektionsschutz im Sinne der Primärprävention alleine geht. Die Frage nach Testungen von Beschäftigten und der Umgang mit einem Infektionsgeschehen im Betrieb betrifft auch die Ebene der Sekundärprävention. Langzeitfolgen von Corona-Erkrankungen werden vermutlich auch Herausforderungen für die Tertiärprävention, die Wiedereingliederung und Rehabilitation, mit sich bringen.  

Abschließend: Welche Zukunftsthemen sehen Sie außerdem für den Arbeits- und Gesundheitsschutz? 

Adolph: Die Pandemie hat auch ein Schlaglicht auf den Stand der Digitalisierung in der Arbeitswelt geworfen. Viele Unternehmen konnten schnell und flexibel mit der Arbeit im Home-Office als Infektionsschutz reagieren.  

Aber es zeigen sich auch typische Schwierigkeiten in technischer, organisatorischer sowie sozial-kultureller Hinsicht. Das orts- und zeitflexible Arbeiten gilt es, als Trend der Veränderung in der Arbeitswelt differenziert zu betrachten. Entgrenzungsphänomene zwischen Arbeit und Freizeit, Arbeitsintensivierung oder ein Defizit an sozialen Unterstützungsprozessen können auch zu bedeutsamen gesundheitlichen Schwierigkeiten führen. Hier müssen wir eine sorgfältige Analyse von Risiken wie auch von guten Lösungen und Umsetzungspraktiken vornehmen, um die Unternehmen und Beschäftigten bei der Förderung von Sicherheit und Gesundheit zu unterstützen. 

Es darf aber in der Zukunft des Arbeits- und Gesundheitsschutzes nicht nur um gehobene Formen der Wissens- und Dienstleistungsarbeit gehen. Die Pandemie hat nochmal die Wichtigkeit systemrelevanter Arbeit, zum Beispiel in der Pflege und Medizin sowie in der Logistik und im Einzelhandel, gezeigt. In diesen Berufsfeldern ergeben sich oft hohe Belastungen, gesundheitliche Risiken und auch immer wieder Sicherheitsfragen. Nicht selten haben wir es dort zudem mit prekären Beschäftigungsverhältnissen zu tun. Es ist ein wichtiges Ziel, auch hier die Standards guter Arbeit immer besser umzusetzen.  

Und für die Forschung gilt es, auch technologisch innovative Möglichkeiten zur Verbesserung des Arbeitsschutzes, zur Gestaltung menschengerechter Arbeit in diesen Bereichen zu identifizieren und zu befördern. 

Bei den Zukunftsthemen darf die Künstliche Intelligenz  nicht unerwähnt bleiben. Hier haben wir es unter dem Dach der Digitalisierung mit Gruppen von Technologien, verschiedenartigen KI -Systemen und algorithmischen Verfahren, zu tun, die das Potenzial haben, diverse Arbeitsprozesse und Tätigkeiten weitreichend zu verändern. Es zeichnen sich Chancen und Risiken ab, in positiver Hinsicht z. B. durch die Unterstützung und Entlastung bei der Ausübung anspruchsvoller Aufgaben. Negativ können sich aber auch intransparentes Systemverhalten oder unklare Verteilungen von Funktionen zwischen Mensch und Technik auswirken. Zunächst ist es eine wichtige Aufgabe, die Effekte von KI -Systemen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz  vor dem Hintergrund des hohen Innovationstempos möglichst systematisch in den Blick zu nehmen. Das Ziel muss dann sein, auch mit diesen Technologien eine sichere, gesunde und menschengerechte Gestaltung von Arbeit zu realisieren. Daraus resultieren zahlreiche neue Forschungsaufgaben, denen wir uns widmen müssen. 

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