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Illustration Interview
Interview Ältere Arbeitnehmer/-innen Treiber & Trends

„Der Corona-Schock trifft die Altersgruppen gleichmäßig“

Die Beschäftigung älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer  ist durch Corona kaum gesunken. Was ihnen geholfen hat und wie ihre Arbeit gefördert werden kann.

  • Die Corona-Pandemie hat ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Blick auf ihre Beschäftigung kaum stärker betroffen als Jüngere. Das sagt Professor Ulrich Walwei. Im Interview erklärt der Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und Mitglied im Rat der Arbeitswelt
  • welche Entwicklungen er als Arbeitsmarktforscher bei älteren Beschäftigten in der Pandemie beobachtet hat und
  • wie ihre Position am Arbeitsmarkt weiter gestärkt werden könnte.
Ulrich Walwei
© Jutta Palm-Nowak - Ulrich Walwei

Auswirkungen der Corona-Krise auf die Beschäftigung Älterer

Herr Walwei, wie hat die Corona-Krise die Beschäftigung 55- bis 64-jähriger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beeinflusst?

Ulrich Walwei: Betrachtet man die Erwerbsquote, hat bis 2019 keine Altersgruppe vom Aufschwung am Arbeitsmarkt so profitiert wie die Gruppe der 55- bis 64-jährigen. Diese Entwicklung ist jetzt erst einmal zum Erliegen gekommen. Im ersten Quartal 2020 lag die Erwerbstätigenquote älterer Menschen bei etwa 72,2 Prozent – bis zum ersten Quartal 2021 ist die Zahl auf 71,5 gesunken. Der Rückgang liegt also bei 0,7 Prozentpunkten. Aber das ist noch kein massiver Rückgang, wie wir beim Vergleich mit den Jüngeren zwischen 25 und 54 Jahren sehen: Hier ist die Quote von 84,9 Prozent auf 84,3 zurückgegangen – mit 0,6 Prozentpunkten nur minimal schwächer. Der Corona-Schock hat sich über die Altersgruppen also gleichmäßig verteilt.

Längeres Erwerbsleben überwiegt Neueinstellungen bei Älteren - auch dank Kurzarbeit

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie bislang auf Neueinstellungen Älterer? Und wie hat die Kurzarbeit ihre Situation beeinflusst?

Walwei: Die bisher steigende Erwerbsquote älterer Menschen ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sie länger im Betrieb bleiben, weniger auf Neueinstellungen. Die Kurzarbeit hat diese längeren Erwerbsbiografien wie auch andere Instrumente der Arbeitsmarktpolitik in vielen Fällen ermöglicht, indem sie dafür gesorgt hat, dass Arbeitnehmer weiter an ihrem Arbeitsplatz bleiben konnten. Für Unterschiede zwischen den Altersgruppen bei der Kurzarbeit gibt es keine Indizien.

„Die Krise hat vor allem die Langzeitarbeitslosen betroffen, unter denen viele Ältere sind.”

Das heißt, ältere Arbeitnehmer wurden wegen der Krise nicht etwa in den Vorruhestand geschickt. Das dürfte auch der Grund sein, warum ältere Menschen in unseren Befragungen angegeben haben, dass sie sich wegen des Corona-Virus eher um ihre Gesundheit als um ihre finanzielle Situation Sorgen machen. Ältere haben ihre Arbeitszeit sogar weniger reduziert als Jüngere. Wahrscheinlich lag das daran, dass jüngere Menschen sich mehr Verantwortungen ausgesetzt sahen; etwa die Betreuung ihrer Kinder, die nicht zur Schule gehen konnten. Eine Schattenseite gibt es jedoch: Die Krise hat diejenigen am stärksten betroffen, die in den Arbeitsmarkt rein wollten. Unter anderem ist das die Gruppe der Langzeitarbeitslosen, in der viele ältere Menschen vertreten sind. Für sie hat Corona den Wiedereinstieg, der ohnehin schon nicht leicht war, weiter erschwert.

Professor Walwei zu Home-Office und Kurzarbeit: Nicht das Alter, sondern die Tätigkeit ist entscheidend.

Ulrich Walwei

Prof. Dr. Ulrich Walwei

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)

Prof. Dr. Ulrich Walwei ist Vizedirektor am IAB und Honorarprofessor für Arbeitsmarktforschung an der Universität Regensburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Arbeitsmarkt­institutionen und -regulierungen, insbesondere der Erwerbsformen und der Beschäftigung Älterer. Walwei ist zudem Mitglied des Rats der Arbeitswelt. Auch gehört er dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) an.

Weiterbildung ist zentral, um im digitalen Umbruch mitzuhalten

Was hilft außerdem, um die Position Älterer auf dem Arbeitsmarkt zu stärken?

Walwei: Es geht vor allem darum, die Menschen für den Arbeitsmarkt fit zu halten. Wir sind jetzt in einer Zeit des digitalen Umbruchs, in der es wichtig ist, dass ältere Menschen nicht den Anschluss verlieren. Weiterbildung spielt hierbei die Hauptrolle. Dabei müssen wir differenzieren: Reden wir über Personen, die einen formalen Abschluss haben, wo es um ein Update geht? Oder geht es um Personen, die keine so erfolgreiche Ausbildungsbiografie haben? Da muss man dann wesentlich kleinere Schritte gehen. Zum Beispiel ist das Qualifizierungschancengesetz eine Option. Zudem haben wir viele weitere Instrumente der Arbeitsmarktpolitik, die die Teilhabe insbesondere dieser Gruppe am Arbeitsmarkt sichern helfen. Bei all dem ist mein Credo, dass Weiterbildung natürlich nicht erst mit 55 beginnen darf. Denn wer es ein Leben lang eingeübt hat, hat es neben der breiteren Wissensbasis auch im höheren Alter leichter, sich darauf einzulassen.

Professor Walwei zum Anschluss Älterer an den Erwerb digitaler Kompetenzen

 

 

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