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Illustration Interview

Digitale Unterstützung in der Sozialwirtschaft: „Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit“

Die Bedeutung der Digitalisierung in der Sozialwirtschaft wächst. Helmut Kreidenweis, Professor für Sozialinformatik, spricht im Interview über ihre Potenziale.

  • Die Bedeutung der Digitalisierung in Organisationen der Sozialwirtschaft wächst, auch durch die Erfahrungen in der Corona-Pandemie
  • Prof. Helmut Kreidenweis, Professor für Sozialinformatik, sieht nicht nur bei organisationsinternen Prozessen großes Potenzial digitaler Anwendungen
  • Im Interview beschreibt er die wichtigsten Erfolgsfaktoren – und verrät: Auch der Spaß darf nicht zu kurz kommen

Herr Professor Kreidenweis, Sie verfolgen die Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien und -Anwendungen in der Sozialwirtschaft schon seit vielen Jahren. Welche Entwicklungslinien können Sie erkennen? Wo steht die Sozialwirtschaft heute und wohin gehen künftige Trends?

Kreidenweis: Insgesamt lässt sich über die Jahre eine wachsende IT-Durchdringung sowie eine Professionalisierung des IT-Managements in der Branche erkennen – übrigens nochmals deutlich getriggert durch die Corona-Pandemie. So ist etwa die Zahl der mobilen Endgeräte seit 2019 um 27 Prozent gestiegen, und die Träger wenden nun ca. 1,7 Prozent ihres Umsatzes für IT auf. Vor drei Jahren waren es erst 1,5 und vor 11 Jahren nur ein Prozent. Der Trend geht also klar dahin, immer mehr Tätigkeiten bei immer mehr Mitarbeitenden durch digitale Technik zu unterstützen.

Dabei liegt der Fokus noch immer stark auf den organisationsinternen Prozessen. Bei der Integration von Klientinnen und Klienten in digitale Prozesse sind die meisten Träger meist noch ganz am Anfang. Klientinnen und Klienten haben relativ selten die Möglichkeit, zum Beispiel ihre Akte einzusehen oder Leistungen zu vergleichen und online zu „buchen”. Auch sind die Unterschiede immens. Meine Sorge ist hier ganz klar, dass die finanzstarken Träger mit strategisch denkenden Leitungskräften und starken IT-Abteilungen sich enorme Wettbewerbsvorteile verschaffen und so die kleineren Einrichtungen mehr und mehr abhängen.

Helmut Kreidenweis
© Privat - Prof. Helmut Kreidenweis

Ein großes Problem besteht ja darin, dass die Erwartungen, die Organisationen in der Sozialwirtschaft an Informations- und Kommunikationstechnologien haben, in der Realität selten eingelöst werden. Zu diesem Ergebnis kommen Sie in Ihrem IT-Report zur Sozialwirtschaft. Worauf führen Sie diese Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zurück? Haben die Betriebe in der Sozialwirtschaft, also die sozialen Einrichtungen und Träger, zu hohe Erwartungen? Sollte die Entwicklung von digitalen Lösungen anders vonstattengehen?

Kreidenweis: Es ist in der Tat ist erstaunlich: Die von den Leitungskräften wahrgenommene Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit bleibt trotz steigender IT-Investitionen seit Beginn unserer Messungen vor über zehn Jahren konstant groß. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Erwartungen etwa aufgrund privater Erfahrungen mit moderner Digitaltechnik steigen. Gleichzeitig scheint es so, dass die Organisationen die vorhandenen PS nicht auf die Straße bringen. Grund dafür ist zum einen, dass noch immer aus Unkenntnis oder falsch verstandener Sparsamkeit schlecht gemachte, veraltete oder nicht zusammenpassende Software eingesetzt wird, was die Arbeitseffizienz gewaltig ausbremst. Und wird dann einmal neue Software gekauft, so wird den Einführungs- und Schulungsprozessen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Hier wären aus meiner Sicht auch die Software-Anbieter in der Pflicht, denn viele Sozialträger haben schlichtweg nicht das Know-how dafür, wie man solche Projekte sinnvoll gestaltet. Wichtig ist dabei auch, dass man vor der Einführung seine Arbeitsprozesse kritisch analysiert und alte Zöpfe konsequent abschneidet.

Prof. Helmut Kreidenweis

Professor für Sozialinformatik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Vorstandsmitglied des Digitalverbandes FINSOZ e.V. und Inhaber von KI -Consult, Digitalisierungs- und IT-Beratung für soziale Dienste, Augsburg.

Welche Faktoren tragen Ihrer Erfahrung nach dazu bei, dass auch die Fachkräfte in sozialen Organisationen mit den Fachanwendungen, mit denen sie arbeiten, gut zurechtkommen?

Kreidenweis: Zum einen brauchen sie moderne und vor allem mobilfähige Software. Hier muss man sich auch immer fragen: Ist Sozialarbeit drin, wo Sozialarbeit draufsteht? Sind also die fachlichen Standards, mit denen die Organisation arbeitet, gut im Programm abbildbar? Und dann ist natürlich wichtig, dass die Arbeit mit der Software Spaß macht. In der Fachwelt spricht man heute nicht mehr nur von Gebrauchstauglichkeit (Usability), sondern von User Experience. Man hat erkannt, dass das subjektive Erleben der Anwender die Produktivität erheblich beeinflusst. Deshalb ist es notwendig, dass man diese Anwender schon bei der Auswahl der Programme eng einbindet. Denn was bringt ein funktional gut ausgestattetes Programm, wenn die Nutzer nur widerwillig damit arbeiten?

Und dann gibt es noch drei weitere wichtige Faktoren: Schulung, Schulung und Schulung. Das muss nicht immer der klassische Frontalunterricht sein, heute kann man mit kurzen, knackigen Videos oft mehr bewirken als mit ellenlangen Schulungstagen. Auch hier sind aus meiner Sicht die Anbieter gefragt.

Wie kommt man zu guten digitalen Anwendungen im Bereich sozialer Dienste? Kennen Sie Beispiele, in denen die Entwicklung von Tools gut funktioniert hat?

Kreidenweis: Der Markt für solche Anwendungen wird heute fast ausschließlich von gewerblichen Firmen geprägt. Das ist grundsätzlich auch gut so, denn Wettbewerb bringt immer Dynamik ins System. Und es gibt da durchaus Anbieter, die ihren Job richtig gut machen. Wenn dann auch noch die Einrichtungen immer besser lernen, gute von schlechter Software zu unterscheiden, führt das zu einem sinnvollen Ausleseprozess.

Der Vorstand eines großen Softwareanbieters für die Sozialwirtschaft hat mir einmal gesagt: „Die Summe aller Anwenderwünsche ergibt noch keine gute Software“. Dem stimme ich absolut zu. Es braucht hinter der Oberfläche eine moderne Software-Architektur und ein klares, fachlich und technisch fundiertes Konzept. Ich würde mir auch viel mehr Entwicklungskooperationen zwischen Wissenschaft, Praxis und Industrie wünschen. Die Sozialinformatik ist dazu allerdings längst noch nicht so gut aufgestellt wie etwa die Wirtschaftsinformatik. Das liegt einfach daran, dass die Sozialarbeitswissenschaft das Thema Digitalisierung viel zu lange ignoriert hat. Inzwischen kommt aber auch hier mehr Dynamik auf, was mich hoffnungsfroh stimmt.