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Wie hoch ist das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale?

Die Inflation erhöht das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale. Unsere Umfrage zeigt, welche Rolle Lohnentwicklung, Kaufkraft und Tarifvertragsparteien spielen.

Stehen wir vor einem Szenario wie in den 70er Jahren mit einer Lohn-Preis-Spirale? Welche Rolle spielen die Tarifvertragsparteien und die Kaufkraft, und was sollte dringend getan werden? Wir haben vier Experten aus Wissenschaft und Praxis in einer Kurzumfrage gefragt, wie sie das Risiko, die Folgen und den Handlungsbedarf mit Blick auf die Lohn-Preis-Spirale einschätzen.

Lutz Mühl, BAVC: „Eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, liegt in der Verantwortung mehrerer Akteure“

„Eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, liegt in der Verantwortung mehrerer Akteure“

Eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, liegt in der Verantwortung mehrerer Akteure. Wir als Tarifvertragsparteien haben vor allem die Aufgabe, die Lage und Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe sowie die Situation der Beschäftigten unserer Branche im Blick zu behalten. Aber natürlich betrachten wir auch die Effekte, die sich für andere Wirtschaftsbereiche aus unserem Handeln ergeben können. Der Staat wiederum kann mit kluger Finanzpolitik Entlastungen für die Bürger schaffen und so Druck aus Tarifverhandlungen nehmen. Um die Inflation zu mildern, sind zudem Maßnahmen geboten, die die Wachstumsdynamik stärken und Störungen bei Lieferketten und der Versorgung mit Energie und Rohstoffen reduzieren. Und für die Zentralbanken ist Inflationsbekämpfung ohnehin Kernaufgabe ihrer Geldpolitik. Jeder der Akteure muss jetzt klug und vorausschauend agieren.

Lutz Mühl
© BAVC - Lutz Mühl, Geschäftsführer Wirtschaft und Sozialpolitik beim Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC)

„Der Ukraine-Krieg und die Pandemie kosten Wohlstand – das trifft uns alle.“

Die Inflation in Deutschland und Europa wird aktuell durch die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine auf die Energie- und Rohstoffversorgung getrieben, ebenso tragen die Folgen der Pandemie massiv dazu bei. In Summe erlebt unsere Volkswirtschaft dadurch einen Wohlstandsverlust. Seine Auswirkungen können durch neue Schulden teilweise in die Zukunft verschoben werden. Oder wir müssen diskutieren, wer heute welchen Teil dieses Verlustes tragen muss.

Gleichzeitig haben wir auf dem Arbeitsmarkt einen Fachkräftemangel, der sich durch den demografischen Trend weiter verschärfen wird. Noch ist nicht in allen Facetten klar, wie sich zunehmende Digitalisierung, die Transformation der Industrie oder die aufflammende Diskussion um eine De-Globalisierung auf die Beschäftigung in Deutschland auswirken werden. Uns als Tarifpartner fordert diese Unsicherheit heraus, verantwortungsvoll zu handeln, Unternehmen nicht zu überfordern und vielleicht auch andere, grundlegendere Diskussionen zu führen, als es in den vergangenen zehn Jahren nötig war.

Frank Werneke, ver.di: Lohnentwicklung verursacht keinen Preisdruck

„Keine falsche Bescheidenheit! Lohnentwicklung verursacht keinen Preisdruck“

Immer dann, wenn Gewerkschaften versuchen, Reallohnverluste zu verhindern oder sogar echte Lohnzuwächse durchzusetzen, taucht sie auf – die „Lohn-Preis-Spirale“ – und weckt deutsche Urängste von Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und Armut. Allein, der Befund ist schlicht falsch und hat mit der Realität nichts zu tun.

Tatsächlich steigen die Preise, aber von der Lohnentwicklung geht überhaupt kein Preisdruck aus. Die Tariflöhne sind 2021 nur um durchschnittlich 1,7 Prozent angestiegen – bei 3,1 Prozent Inflation. Folglich mussten die Beschäftigten im zweiten Jahr der Corona-Pandemie einen Reallohnverlust von 1,4 Prozent hinnehmen. Und im laufenden Jahr sind infolge des Ukraine-Krieges die Aussichten für Abhängig Beschäftigte  sogar noch schwieriger.

Frank Werneke
© Kay Herschelmann - Frank Werneke, Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di)

„Ziel in der Tarifpolitik muss mindestens die Sicherung der Kaufkraft bleiben.“

Dagegen haben in den letzten Wochen viele Konzerne ihre Dividenden kräftig angehoben oder halten sie auf hohem Niveau. Das heißt, Eigentümer und Aktionäre sind nicht bereit, Verzicht zu üben – sie geben die steigenden Preise etwa für teure Vorprodukte oder Energie einfach weiter, weil sie verhindern wollen, dass ihre Gewinnmarge schrumpft.

Mit gravierenden Folgen: Die Preise für Güter des täglichen Bedarfs und Lebensmittel sind in den vergangenen Monaten empfindlich gestiegen, die für Energie – vor allem Erdgas und Treibstoffe – sogar in einem Maße, das sich zumindest kurzfristig tarifpolitisch nicht mehr einfangen lässt. Deshalb bedarf es weiterer Entlastungspakete der Bundesregierung, die gezielt für Menschen mit mittleren und eher niedrigen Einkommen wirken. Und in der Tarifpolitik gibt es überhaupt keinen Grund, sich auf lohnpolitische Bescheidenheit einzulassen. Ziel muss mindestens die Sicherung der Kaufkraft bleiben.

Patrick Kaczmarczyk, Politökonom: Niedriger Lohnanstieg macht Lohn-Preis-Spirale unwahrscheinlich

„Niedriger Lohnanstieg in Deutschland macht eine Lohn-Preis-Spirale unwahrscheinlich“

Die Sorge vor einer Lohn-Preis-Spirale in Deutschland und der Eurozone ist unbegründet. Die Datenlage lässt da kaum eine andere Schlussfolgerung zu. Die langfristige Inflationsentwicklung wird nämlich wesentlich von der Entwicklung der Lohnstückkosten  bestimmt – und wenn wir uns die Lohnentwicklung im internationalen Vergleich anschauen, dann haben wir in Deutschland und Europa eine ganz andere Situation als in den USA oder in Großbritannien. Dort haben die Löhne seit der Coronakrise kräftig angezogen. In Deutschland jedoch waren die Tarifverdienste 2021 magere 1,3 Prozent höher als im Vorjahr. In den ersten Monaten 2022 gab es keine Anzeichen für eine Trendwende.

Patrick Kaczmarczyk
© Privat - Patrick Kaczmarczyk, Politökonom und Referent für Wirtschaftspolitik

„Die Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt haben sich durch geringe Tarifbindung zugunsten der Arbeitgeber verschoben.“

Dass sich an diesen Tendenzen etwas ändert, ist unwahrscheinlich. Die Machtverhältnisse haben sich auf dem Arbeitsmarkt zugunsten der Arbeitgeber verschoben, die Tarifbindung liegt bei mickrigen 43 Prozent. Derzeit kommen auf ca. 820.000 freie Stellen ungefähr 2 Mio. Arbeitslose und 1 Mio. Unterbeschäftigte. In den 70er Jahren war das anders. Da hatten wir auf 570.000 offene Stellen 270.000 Arbeitslose. Das war eine völlig andere Welt, da die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften eine ganz andere war, die dann auch ausgenutzt wurde.

Um Preisstabilität zu gewährleisten – also, um sowohl Inflation als auch Deflation zu vermeiden – müssen die Nominallöhne ganz unabhängig von kurzfristigen Schocks so steigen, wie es der Zielinflationsrate und dem zu erwartenden Produktivitätswachstum entspricht. In Zeiten hoher Inflation liegt es dann vor allem an der Fiskalpolitik, die am stärksten betroffenen Haushalte zu entlasten.

Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik: Lohn-Preis-Spirale gefährdet den Wohlstand

„Eine Lohn-Preis-Spirale gefährdet den Wohlstand“

Im April 2022 lag die Inflation bei 7,4 Prozent im Euroraum und 7,8 Prozent in Deutschland (HVPI). Nachdem Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) lange Zeit betont hatten, dass die Inflation niedrig bleiben würde bzw. nur vorübergehend sei, wurden die Arbeitnehmer auf dem falschen Fuß erwischt. Die Kaufkraft schwindet spürbar.

Deshalb ist es geboten, deutliche Lohnerhöhungen zu fordern. Die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer ist derzeit groß, da – auch dank der umfangreichen schuldenfinanzierten Rettungspakete im Zuge der Corona-Krise – der Arbeitsmarkt leergefegt ist. Ist ein Arbeitgeber nicht zu deutlichen Lohnerhöhungen bereit, dann lohnt der Wechsel.

Gunther Schnabl
© Privat - Prof. Dr. Gunther Schnabl, Professor für Wirtschaftspolitik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Leipzig

„Die Wahrscheinlichkeit einer Lohn-Preis-Spirale ist hoch. Arbeitslosigkeit könnte die Folge sein.“

Einige Unternehmen haben die aufgeregte Inflationsberichterstattung dazu genutzt, die Preise über die gestiegenen Kosten hinaus anzuheben. Halten sich die Mitarbeiter dieser Unternehmen zurück, dann sind sie die Dummen. Wenn einige Branchen mehr bezahlen, wird auch anderswo mehr gefordert. Die Wahrscheinlichkeit einer Lohn-Preis-Spirale wie in den 1970er Jahren ist hoch.

Da Inflation Wachstum und Wohlstand mindert, dürfte für viele der Lohnanstieg hinter dem Anstieg der Lebenshaltungskosten zurückblieben. Sinkt die Kaufkraft, dann sinkt auch der Konsum. Unternehmen, die deshalb die Kosten von Lohnerhöhungen nicht mit steigenden Preisen ausgleichen können, geraten unter Druck. Arbeitslosigkeit könnte die Folge sein.

Nur eine Rückkehr zur Preisstabilität kann die Kaufkraft der Menschen sichern. Die Verantwortung für stabile Preise liegt nicht bei den Gewerkschaften, sondern bei der EZB.