Springe zum Hauptinhalt der Seite
Illustration Interview

Physiotherapie: „So hat sich unser Beruf verändert“

201 Tage dauerte es laut Bundesagentur für Arbeit 2021, bis eine offene Stelle in der Physiotherapie wieder neu besetzt werden konnte. Lesen Sie im Doppelporträt von Herausforderungen und Wandel des Berufs.

201 Tage dauerte es laut Bundesagentur für Arbeit 2021, bis eine offene Stelle in der Physiotherapie wieder neu besetzt werden konnte.

In einer alternden Gesellschaft werden therapeutische Berufe wie die Physiotherapie immer wichtiger. Doch es fehlt am Nachwuchs, wie unsere Zahl zeigt.

Wir haben zwei Generationen gefragt: Wie hat sich der Beruf im Lauf der Jahrzehnte gewandelt, welche Herausforderungen sind hinzugekommen, und welche Entwicklungen erleichtern den Arbeitsalltag? Kliniktherapeutin Christina Pirker, 29 Jahre alt, und Markus Norys, 55 Jahre alt und selbstständiger Physiotherapeut, über demografiebedingte Mehrfacherkrankungen und Zeitdruck auf der einen Seite, wachsende Professionalisierung und Autonomie auf der anderen Seite.

201 Tage
Markus Norys und Christina Pirker
© Privat - selbstständiger Physiotherapeut Markus Norys (55) und Kliniktherapeutin Christina Pirker ( 29)

Früher: Markus Norys

  • Arbeitsalltag & Wandel

    Ich bin seit 1994 selbstständig. Mittlerweile habe ich 12 Physiotherapeuten in meiner Praxis. Von Anfang an habe ich elektronisch abgerechnet. Die Lohnabrechnung lief handschriftlich über ein Formular für fünf Zahlen. Heute muss ich rund 100 Kennzahlen in ein Programm eingeben. In der Patientenarbeit ging der Trend im Lauf der Jahre immer stärker zur aktiven Therapie. Dafür haben wir unsere Trainingsflächen und -geräte deutlich erweitert. Auf der anderen Seite beobachten wir, dass es immer weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den für uns wichtigen Weiterbildungen auf dem Arbeitsmarkt gibt. Der Aufwand, die Berufsstarter nach der Ausbildung auf ein hohes Niveau zu bringen, steigt damit.

  • Kompetenzen

    Neben gesundheitspolitischen Entscheidungen wie zuletzt der bundesweite einheitliche Rahmenvertrag mit all seinen organisatorischen Auswirkungen spüren wir in der Praxis, dass mit steigendem Durchschnittsalter immer mehr multimorbide Erkrankungen auftreten. Wir müssen uns also mit mehreren Diagnosen bei einem Patienten auskennen. Aber es gibt auch Erleichterungen. Zum Beispiel können wir die therapeutische Einstufung digital erfassen und computergestützte Trainings machen. Auch Videotherapien gehören inzwischen zur Regelversorgung. Sowohl für neue Therapieansätze als auch organisatorische Neuerungen nutze ich laufend Weiterbildungen. Zudem informiert unser Berufsverband uns über wichtige Neuerungen. In der Digitalisierung habe ich mir das meiste selbst und über Online-Weiterbildungen beigebracht.

  • Zukunft

    Wir befinden uns in einer Zwischenphase. Wir haben in Deutschland Berufsfachschulen mit unterschiedlichstem Niveau. Bei uns in der Praxis bieten wir bis zu 60 Prozent Zertifikatsleistungen an, für die jeweils entsprechende Weiterbildungskurse gemacht werden müssen. Das bedeutet, der Berufsstarter kann nur 40 Prozent der Patienten in meiner Praxis behandeln. Das ist im internationalen Vergleich und mit dem momentanen Fachkräftemangel nicht zukunftsfähig. In unseren Nachbarländern findet die Ausbildung ausschließlich als Bachelorstudiengang statt. In diese Richtung müssen auch wir uns weiterentwickeln. Für eine höhere Autonomie hoffe ich auf die bald mögliche Blankoverordnung, in der wir Physiotherapeuten selbst entscheiden, welches Heilmittel zum Einsatz kommt, wie lange und wie oft behandelt wird.

Heute: Christina Pirker

  • Arbeitsalltag & Wandel 

    Ich denke, am meisten hat sich beim Thema Selbstorganisation verändert. Wir arbeiten mit extremem Zeitdruck im 20-Minuten-Takt: In der Klinik muss ich die Reihenfolge der Patientenbesuche organisieren, Untersuchungen für jeden einzelnen, Arztgespräche, die Terminplanung für die Ambulanz, den Austausch mit der Pflege. Hier fließt viel Energie rein, bevor es überhaupt an die Arbeit mit den Patienten geht. Aber gleichzeitig merke ich, dass die Kommunikation zwischen den Disziplinen immer besser auf Augenhöhe funktioniert. Besonders die jungen Medizinerinnen und Mediziner sind dankbar für unsere Expertise. Das hat mit dem Fachkräftemangel zu tun, aber auch damit, dass sich die Physiotherapie heute u. a. durch das Studium immer mehr strukturiertes Wissen aufgebaut hat und so das arztzentrierte System entlasten kann.

  • Kompetenzen 

    Unser Studium ist stark kompetenzorientiert: interdisziplinär argumentieren, präsentieren, kommunizieren, sich selbst reflektieren. Sich selbst zu organisieren, müssen wir dagegen im Alltag trainieren. Digitalisierung hilft hier bedingt, denn aufgrund von Software-, Datenschutz- und Schnittstellenproblemen ist sie noch nicht so weit umgesetzt, wie wir es gerne hätten. Aber natürlich nutzen wir digitale Dokumentation und Patientenplanung, ebenso Anatomie-Apps, um den Patienten zu erklären, was passiert ist und worauf sie achten müssen. Auch Trainingspläne können wir Patienten per App verschlüsselt zusenden. Mein Wissen halte ich durch Kolleginnen oder Kollegen, Fachartikel, Kongresse oder auch Kurse aktuell. Ich habe im Studium gelernt, mir mein Wissen zu organisieren. Insgesamt gibt es wohl niemanden in der Physiotherapie, der lebenslanges Lernen für nicht notwendig hält.

  • Zukunft

    Hausbesuche sind eigentlich nicht mehr tragbar, es gibt immer eine Warteliste und wir kommen immer mehr an unsere Grenzen, wenn wir unserem Versorgungsauftrag gerecht werden wollen. Wenn wir nicht mehr Kolleginnen und Kollegen finden und stärker selbst über den Therapieverlauf entscheiden können, sehe ich da wenig Besserungschancen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir mehr Autonomie erhalten und uns in anderen Ländern ansehen, wie wir uns weiter professionalisieren können. Wir müssen auf all diesen Ebenen nach Wegen suchen, den Fachkräftemangel zu entschärfen.

  • Physiotherapeuten und ‑therapeutinnen unterstützen bei der Erhaltung, Wiederherstellung und Verbesserung von körperlichen, für das tägliche Leben wichtigen Funktionen. Insbesondere bei Personen, die alters-, krankheits- oder unfallbedingt eingeschränkt sind, bieten sie Maßnahmen zur Verbesserung der Muskulatur, Ausdauer oder Koordination an oder tragen beispielsweise durch Ergonomieberatung oder betrieblichem Gesundheitsmanagement zur Prävention bei. Auf Basis ärztlicher Diagnose und eigener Untersuchung planen sie den Therapieablauf. Sie führen Einzel- und Gruppentherapien durch, z. B. Übungen mit Geräten, Behandlungen in Form von Atemtherapie, manuellen Techniken, Elektrotherapien oder Therapien im Wasser.

    Weitere Informationen