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Illustration Thesen Lohnentwicklung

Fünf Thesen zur Lohnentwicklung in Deutschland

Ostdeutsche verdienen weniger als Westdeutsche – dafür steigen ihre Löhne stärker. Und die Einkommensschere zwischen Arm und Reich schließt sich leicht. Behauptungen zur Lohnentwicklung auf dem Prüfstand.

Über Löhne wird gerne und heftig gestritten. Zum Beispiel während Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgeberinnen oder Arbeitgebern und Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmern. Löhne sind aber auch ein beliebtes Thema in Talkshows, gerne einhergehend mit einer übergeordneten Gerechtigkeitsdebatte. Die Analyse von Daten und die Argumentation mit Fakten helfen bei einer Versachlichung des Themas.

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    Beschäftigte verdienen in Westdeutschland mehr als in Ostdeutschland

    Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer  in Westdeutschland verdienen durchschnittlich mehr als Beschäftigte in Ostdeutschland: Der preisbereinigte Bruttostundenverdienst von Vollzeitbeschäftigten in Westdeutschland lag im Jahr 2019 bei 26,77 Euro. Ostdeutsche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdienten durchschnittlich mehr als 6 Euro weniger (20,13 Euro) (Seils/Emmler, 2020).

    Die Lohnentwicklung zeigt aber, dass Ostdeutschland aufholt. Seit 2014 steigen in den ostdeutschen Bundesländern die Reallöhne von Vollzeitbeschäftigten stärker als in Westdeutschland. Grund hierfür ist vor allem die Einführung des Mindestlohns, die besonders in Ostdeutschland die Löhne in den untersten Lohngruppen getrieben hat.

    Am stärksten sind die Löhne im vergangenen Jahrzehnt in Sachsen-Anhalt gestiegen: Der Zuwachs bei den realen Stundenlöhnen der Vollzeitbeschäftigten betrug 13,8 Prozent. Ähnlich hoch fiel das Wachstum in Thüringen (13,7 Prozent) und Sachsen (13,2 Prozent) aus.

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    Tarifbeschäftigte profitieren am stärksten von Lohnzuwächsen

    Tarifbeschäftigte können höhere Lohnzuwächse erzielen, da Gewerkschaften für sie kollektive Verhandlungen führen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht einzeln für Lohnerhöhungen oder Sonderzahlungen streiten.

    Das Wachstum der preisbereinigten tariflichen Stundenverdienste zwischen 2015 und 2019 fiel mit 5,5 Prozent etwas stärker aus als für andere Beschäftigte (5 Prozent) (Seils/Emmler, 2020). Das Lohnwachstum der Tarifbeschäftigten ist dabei relativ gleichmäßig auf die unterschiedlichen Leistungsgruppen verteilt. Die Löhne von An- und Ungelernten stiegen etwas stärker (6 Prozent und 5,8 Prozent) als jene von Fachkräften  (5,6 Prozent), gehobenen Fachkräften  (5,2 Prozent) sowie leitenden Angestellten (5,4 Prozent).

    Wird die Entwicklung der realen Bruttostundenverdienste von allen Vollzeitbeschäftigten im selben Zeitraum betrachtet, sind größere Unterschiede zwischen Leistungsgruppen zu sehen. So haben An- und Ungelernte (2,5 Prozent bzw. 3,4 Prozent) beispielsweise weniger profitiert als Fachkräfte (5,4 Prozent). Fazit: Die Lohnzuwächse bei Tarifbeschäftigten verteilen sich gleichmäßiger zwischen Leistungsgruppen als bei Nicht-Tarifbeschäftigten.

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    Die Einkommensschere schließt sich leicht

    Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer – diese These wird immer wieder debattiert. Aktuelle Analysen zeigen keine eindeutigen Entwicklungen: Im Jahr 2006 verdienten Beschäftigte der obersten Lohngruppe (10. Dezil  ) pro Stunde viermal so viel wie Menschen in der untersten Lohngruppe (1. Dezil). Im Jahr 2018 war der Abstand auf das 3,5-fache geschrumpft. Auch das Verhältnis der mittleren Lohngruppe (5. Dezil) zur untersten Lohngruppe ist seit 2006 vom 2,2-fachen im Jahr 2018 auf weniger als das Doppelte gesunken. Der Trend der auseinanderwachsenden Bruttostundenlöhne hat sich damit umgekehrt. Diese Einkommensschere schließt sich zurzeit leicht. Insbesondere seit Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 ist diese Entwicklung zu beobachten.

    Aber: Werden Bruttomonats- oder -jahreslöhne betrachtet ist diese positive Entwicklung nicht zu sehen. So zeigen Auswertungen, dass nach einem starken Anstieg um die Jahrtausendwende die Ungleichheit sich seit 2006 auf einem ähnlichen Niveau bewegt. Das liegt vor allem auch daran, dass trotz positiver Entwicklung der Stundenlöhne, ein Rückgang der Arbeitszeit bei Geringverdienerinnen und Geringverdienern nicht zum gleichen Effekt bei Monats- und Jahreslöhnen geführt hat.

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    Politische Entscheidungen können die Lohnentwicklung beeinflussen

    Politische Entscheidungen haben Einfluss auf Lohnentwicklungen in Deutschland. Beispiele sind die Hartz-Gesetze und die Einführung des Mindestlohns.

    Am 1. Januar 2005 trat „Hartz IV“ in Kraft. Das Gesetz erhöhte den Druck auf Arbeitslose eine Tätigkeit aufzunehmen – auch wenn diese nicht ihren Qualifikationen entsprach oder schlecht bezahlt wurden. Der Arbeitsmarkt wurde flexibler. Auch dadurch kam es zu einem Anstieg des Niedriglohnsektors. Gerade in den untersten Einkommensschichten sanken die Löhne, begleitet von einem Rückgang der Arbeitslosigkeit.

    Im Jahr 2015 wiederum wurde der allgemeine Mindestlohn eingeführt (damals 8,50 Euro pro Stunde) und danach zunächst alle zwei Jahre schrittweise erhöht. Zurzeit liegt der Mindestlohn bei 9,50 Euro und wird nach Beschluss der Mindestlohnkommission bis Mitte 2022 auf 10,45 Euro ansteigen. Die Stundenlöhne der unteren Lohngruppen in Deutschland stiegen seit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns überdurchschnittlich an.

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    Kleine Betriebe halten mit der Lohnentwicklung in großen Unternehmen nicht mit

    Die Lohnunterschiede je nach Betriebsgröße haben sich seit 1997 verschärft. Das zeigen Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Während die Entwicklung der Bruttomonatslöhne vor allem in Kleinstbetrieben (1 bis 9 Beschäftigte) schwach ist (+ 1 Prozent), verläuft sie in Großbetrieben (ab 250 Beschäftigte) um ein Vielfaches positiver (+ 10 Prozent). Die mittleren Betriebe liegen in ihrer Lohnentwicklung über den gesamten Zeitraum weitestgehend dazwischen.

    Bei den Kleinst- und Kleinbetrieben trugen neben der Entwicklung bei bestehenden Betrieben auch neugegründete Unternehmen zur geringen Lohnentwicklung bei. Als eine Ursache sehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das 'domestic outsourcing', also die Verlagerung von Tätigkeiten der eigenen Angestellten zu schlechter zahlenden Subunternehmen. Ein weiterer Grund ist, dass die Tarifvertragsabdeckung gerade bei neu gegründeten Unternehmen gering ist.