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Illustration Interview

Landwirte: „So hat sich unser Beruf verändert“

Klimawandel und ökologische Transformation verändern die Arbeitswelt. Rieke und Jörn Ehlers berichten, was das für ihren Hof und die Landwirtschaft bedeutet.

230.782 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten laut Bundesagentur für Arbeit aktuell in Land-, Tier- und Forstwirtschaftsberufen. Viele dieser Berufe sind durch die ökologische Transformation stark im Wandel.

Die Landwirtschaft steht mit Themen wie der satellitengestützten, digitalisierten Präzisionslandwirtschaft, regenerativem Ackerbau für gesündere Böden und der gesellschaftlichen Debatte ums Tierwohl vor einer ganzen Reihe von Perspektiven und Herausforderungen.

Rieke (22) und Jörn Ehlers (49) berichten als Tochter und Vater aus der Sicht zweier Generationen, wie die Transformation durch technologischen Wandel und Klimawandel ihren Arbeitsalltag auf einem Hof mit Schweinehaltung und Ackerbau beeinflusst.

Illustration: 230.782
Jörn und Rieke Ehlers
© Ehlers - Jörn Ehlers (49) und Rieke Ehlers (22)

Früher: Jörn Ehlers

  • Arbeitsalltag & Wandel

    Der Tag ging schon vor rund 30 Jahren mit den Tieren los: Wie sieht es in den Ställen aus, hat die Technik für die Fütterung funktioniert, geht es allen Tieren gut? Mein Vater hat in den 80er Jahren schon angefangen, Computertechnik einzusetzen, um Fütterungs- oder Lüftungssysteme zu automatisieren. Dann ging es wie für mich heute noch draußen auf dem Acker oder im Wald weiter, der zu unserem Betrieb gehört, und um die Wartung und Instandhaltung der Maschinen.

  • Kompetenzen

    Mit den Jahren ist sehr viel GPS- und digitale Technik in den Maschinen hinzugekommen. Der Mähdrescher, der Schlepper, alles läuft heute mit satellitengestützten Lenksystemen, ohne dass ich das Lenkrad halten muss. Daran sind Dokumentationssysteme gekoppelt: Wo wir früher Pflanzenschutzmittel, Düngemittel o. ä. handschriftlich in Ackerschlagkarteien festgehalten haben, läuft das heute über eine App. So können wir noch mehr Fläche noch effizienter bearbeiten. Ein Mähdrescher kann für jeden abgeernteten Quadratmeter Qualitäten und Mengen feststellen. So können wir die nächste Aussaat optimieren. Es ist eine große Herausforderung, sich auf die neuen Maschinen mit neuen Techniken einzustellen. Teilweise bieten die Hersteller Schulungen an. Vieles bringe ich mir aber mit Erklärvideos auf Youtube bei. Bei all den Neuerungen müssen wir immer noch beides verstehen: Die Mechanik, um mit Störungen umgehen zu können, und die Computertechnik.

  • Zukunft

    Dass die Entwicklungen zum Tierwohl so rasant sind, hätte ich nicht gedacht. Als ich meine Ausbildung gemacht habe, war mein Vater froh, dass er kein Stroh mehr im Stall hatte und sehr effizient viele Tiere halten konnte. Jetzt geht es wieder in die Gegenrichtung mit immer strengeren Anforderungen an die Tierhaltung. Und wir werden in einer zunehmend kritischen Gesellschaft viel Öffentlichkeitarbeit machen und erklären müssen, was wir tun. Durch den Klimawandel wird außerdem die regenerative Landwirtschaft wachsen, in der es um Bodenleben und Nachhaltigkeit von Böden geht.

Heute: Rieke Ehlers

  • Arbeitsalltag & Wandel

    Ich bin zurzeit noch im Agrarwissenschaftenstudium mit dem Schwerpunkt Nutzpflanzenwissenschaften. Durch die Pandemie bin ich aber schon viel hier auf dem Hof und habe verschiedene Projekte angestoßen. Dabei mache ich viel Büroarbeit. Zum Beispiel habe ich geholfen, die Ackerschlagkartei digital zu eröffnen. Dazu habe ich viele Felddaten zur GPS-Vermessung der Felder eingespeichert und die Handys der Mitarbeiter auf den Treckern eingerichtet. Außerdem kümmere ich mich um unseren Hofladen: vom Etikettendesign bis zur Auswertung, wie die Produkte laufen. Bei Bedarf unterstütze ich natürlich auch auf dem Acker.

  • Kompetenzen

    Das Thema Präzisionslandwirtschaft und Effizienz ist weiterhin Riesenthema. Wir haben inzwischen supergenaue GPS-Systeme und können Maschinen kombinieren, indem wir Messergebnisse auf alle Trecker und Maschinen übertragen. Ich bin auch sicher, dass der selbstfahrende Trecker bald kommt. Für uns als Landwirte geht es tatsächlich darum, die digitale Technik bedienen zu können und trotzdem den Bezug dazu zu haben, was genau die Maschine mit dem Boden macht. Im Studium wird vieles besprochen. Aber wie mein Vater bilde ich mich auch mit Youtube und Herstellerinformationen weiter. Auch die Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen, etwa über Social Media oder Apps, ist für mich wichtig. Hier kann man seine Probleme teilen und Lösungsvorschläge bekommen - sogar aus anderen Ländern.

  • Zukunft

    Mich beschäftigt am meisten der Klimawandel, der auch im Studium ein großes Thema ist. Mein Freund und ich haben uns in der regenerativen Landwirtschaft fortgebildet. Wir versuchen, unsere Böden fruchtbarer zu machen und Humus aufzubauen, der CO2 speichert. Und wir bereiten den Ackerbau auf Wetterextreme vor, damit es beispielsweise bei Starkregen keine Erosion gibt. Ich sehe hier großes Potenzial, weil wir Landwirte gute Lösungen gegen den Klimawandel anbieten können. Auch beim Tierwohl müssen wir dringend Lösungen finden und uns fragen, ob Effizienzsteigerung noch der richtige Weg ist.

Infos zum Beruf

Landwirtinnen und Landwirte produzieren und vermarkten pflanzliche und tierische Erzeugnisse, zum Beispiel in einem Hofladen, über einen Online-Shop direkt an den Endkunden oder über Zwischenabnehmer. Zur Produktion gehören die Bodenbearbeitung, Auswahl und Einkauf von Saatgut, das Mähen, Düngen und Pflegen von Pflanzen und der Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Die landwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge und die zunehmend digitalisierte Technik müssen sie bedienen, überwachen und warten können. In der Tierhaltung geht es um die Versorgung und Reinigung der Ställe. Im Büro wird neben Buchführung und Dokumentation die Datenauswertung der digitalisierten Präzisionslandwirtschaft immer wichtiger.

Quellen: Bundesagentur für Arbeit, eigene Recherchen